Reflexionen über Privilegien aus meiner konkreten Erfahrung

Zwischen Privileg und Verantwortung: Über Ungleichheit, gelebte Solidarität und die Kraft, Privilegien für mehr Gerechtigkeit einzusetzen.

Ein junger Mann kam mit der Frage zu Jesus: «Herr, was muss ich Gutes tun, um das ewige Leben zu bekommen?» «Was meinst du denn mit gut?» erwiderte Jesus. «Es gibt nur einen, der gut ist, und das ist Gott. Du kannst ewiges Leben bekommen, wenn du Gottes Gebote hältst.» «Welche Gebote denn?» fragte der Mann, und Jesus antwortete: «Du sollst nicht töten! Du sollst nicht die Ehe brechen. Du sollst nicht stehlen! Du sollst nicht schlecht über andere reden. Achte deine Eltern, und liebe deine Mitmenschen wie dich selbst.» «Daran habe ich mich immer gehalten! Was muss ich denn noch tun?» wollte der junge Mann wissen. Jesus antwortete: «Wenn du wirklich das ewige Leben haben willst, dann verkaufe, was du hast, und gib das Geld den Armen. Damit wirst du im Himmel einen Schatz erwerben, der dir nicht mehr verlorengeht. Dann komm und folge mir nach.» Als der junge Mann das hörte, ging er traurig weg, denn er war sehr reich (Matthäus 19,16-26).
 
Als ich jung war, war ich von 1985 bis 1992 als Freiwillige der katholischen Kirche in den Armenvierteln La Ensenada und Las Laderas in Lima tätig. Die Armut dort war extrem. Ich stand den Frauen, die die Volksküchen leiteten, sehr nahe. Für viele Menschen in diesen Gegenden waren die Volksküchen die einzige Möglichkeit, an Essen zu kommen. Diese Frauen legten Zeugnis von Solidarität ab – und damit von der Existenz eines Gottes des Lebens. Diesem Engagement wollte ich mich anschließen und diesen Frauen helfen, aber sie ließen mich mit großer Behutsamkeit merken, dass ich diejenige war, die Hilfe benötigte und sie auch erhalten habe.
 
Nach einiger Zeit begann ich, mich wegen all der Privilegien und Vorteile schuldig zu fühlen, die ich als junge Frau aus der Mittelschicht genoss. Während es den Menschen in La Ensenada und Las Laderas selbst an den grundlegendsten Dingen fehlte, hatte ich alles, was ich für ein komfortables Leben brauchte. Deshalb beschloss ich, mit den Frauen darüber zu sprechen. Ich fragte sie, was sie von meinen Privilegien hielten und ob ihnen bewusst war, welche Vorteile ich hatte, die sie selbst nicht hatten. Sie sagten mir, dass ihnen bewusst sei, dass wir unterschiedlichen sozialen Schichten angehörten. Ich sagte ihnen auch, dass ich mich deswegen schuldig fühlte. Sie sagten, ich sollte keine Schuldgefühle haben. Ich sei schließlich in eine Familie der Mittelschicht hineingeboren worden. Ich konnte mir nicht aussuchen, wo ich geboren werde. Sie sagten mir außerdem, es ginge darum, meine Privilegien zum Wohle anderer verantwortungsbewusster zu nutzen. Ich solle eine kritische Perspektive einnehmen und die Ursachen von Ungleichheit (Arm-Reich, Privilegiert-Ausgeschlossen) analysieren. Wenn möglich, solle ich mich für die Veränderung dieser ungerechten Strukturen einsetzen. Sie sagten mir auch, ich solle das genießen, was ich habe, und dass die Vision sei, dass wir alle eines Tages die gleichen Möglichkeiten hätten wie ich.
 
Demütig sage ich, dass ich glaube, dass die Reflexionen dieser „armen“ Frauen einen Teil dessen erklären, was meinen bisherigen Weg und meinen heutigen Standpunkt ausmacht. Diese weisen Frauen begleiten mich noch heute. Es war ein großes Geschenk und ein Privileg, mit ihnen zusammen gewesen zu sein.
 
Und in gewisser Weise bin ich immer dankbar für die Vorteile, die ich habe. Zum Beispiel, wenn ich saubere Wäsche aufhänge, die die Waschmaschine fertig gewaschen hat. Wenn ich jeden Tag problemlos duschen kann. Wenn ich in ein Restaurant mit gutem Essen gehe. Deshalb danke ich Gott für das, was ich habe, und bete, dass sein Reich bald komme. Zudem versuche ich, kleine, konkrete Dinge zu tun, um diese Situation der Ungerechtigkeit zu verändern.
 
Agnes und Christine
Agnes Bourel und Christine Le Youanc sind zwei französische Krankenschwestern, die von 1989 bis 1992 als Fachkräfte in Ensenada und Las Laderas tätig waren. Ich hatte sie in diesen Jahren kennengelernt. Damals waren wir alle noch sehr jung. Inzwischen sind Agnes und Christine pensionierte Krankenschwestern. Drei Jahre lang lebten sie in bescheidenen Verhältnissen in La Ensenada und Las Laderas. Die Lebensbedingungen waren für alle, die dort lebten, eine große Herausforderung – auch für sie selbst. So fehlte es beispielsweise an fließendem Wasser und einer Abwasserentsorgung. Es gab keinen Strom.
 
Nach ihrer Rückkehr nach Frankreich erzählten sie mir, dass sie sich mit all den Privilegien auseinandersetzen mussten, die sie dort genossen hatten, und dass diese Auseinandersetzung sehr herausfordernd war.
 
Das Ergebnis ist ein verantwortungsvolleres Leben, Wassersparen, Recycling und die Hinwendung zu einer Kultur der Solidarität statt einer Wegwerfgesellschaft mit unbegrenztem Konsum. Sie sind überzeugt, dass diese Lebensweise ihre Lebensqualität verbessert hat.
 
Als Rentnerinnen informieren sie ehrenamtlich ihre Gemeinden in Frankreich über die Situation in La Ensenada und Las Laderas und unterstützen dortige Projekte finanziell. In ihrer Arbeit setzen sie sich außerdem für Frieden, Gerechtigkeit und die Bewahrung der Schöpfung ein.
 
Pater Marcelo
Marcelo Trégouët war der Priester, der mich als junge Frau auf meinem Glaubensweg begleitet hatte. Auch er lebte in La Ensenada und Las Laderas. Sein Haus war sehr bescheiden und hatte weder fließendes Wasser noch einen Abwasseranschluss. Und keinen Strom. Im Jahr 1994 bot die Gemeindeverwaltung von La Ensenada und Las Laderas ihm einmal an, Wasser- und Abwasseranschlüsse in seinem Haus, dem Priesterhaus, zu installieren. Dies galt allerdings nur für dieses Haus, während der Rest des Armenviertels über keine derartigen Einrichtungen verfügte. Marcelo beschloss, mit dem Vorsitzenden der Nachbarschaftsorganisation darüber zu sprechen. Er fragte ihn nach seiner Meinung. Der Vorsitzende antwortete unmissverständlich: Marcelo müsse die Benachteiligungen, unter denen die Menschen in La Ensenada und Las Laderas lebten, teilen; er müsse das Schicksal der Armen teilen. Deshalb könne er diese Einrichtungen nicht haben, während die anderen sie nicht hätten. Marcelo akzeptierte dies und verzichtete auf die Möglichkeit, das Privileg einer guten Wasserversorgung zu genießen.
 
Und er beteiligte sich an vielen Protesten für sauberes Wasser. Einmal marschierten die Bewohner*innen entlang der Panamericana, der Autobahn, die viele lateinamerikanische Länder durchquert. Und Marcelo ging mit ihnen. Sie legten zu Fuß mehr als 20 Kilometer von La Ensenada und Las Laderas bis zum Regierungspalast im Zentrum von Lima zurück. Nach jahrelangem Kampf gelang es ihnen im Jahr 2004, die Installation von Trinkwasser- und Abwasserleitungen durch den Staat in La Ensenada und Las Laderas durchzusetzen.
 
Ungerechte Privilegien und der Ruf zur Solidarität
Wir sollten uns vergegenwärtigen, dass unsere Privilegien als weiße Menschen nicht nur  an unsere Hautfarbe gebunden sind. Es gilt, darauf zu achten, dass diese Privilegien uns nicht arrogant machen. Wir sind gefordert, ihre Grundlagen und Ursprünge zu hinterfragen, um verantwortungsvoll handeln zu können. Die Hautfarbe ist ein sehr auffälliger visueller Faktor, der eine wichtige Rolle bei Diskriminierung, strukturellen Ungleichheiten und Rassismus spielen kann.
 
Unsere Welt ist geprägt von Privilegien, die auf historischen und strukturellen Ungerechtigkeiten beruhen – Ungerechtigkeiten, deren Auswirkungen bis heute spürbar sind. In Peru zeigt sich dies besonders deutlich: Die Mehrheit der Menschen, die in Armut leben, gehört den indigenen Gemeinschaften der Andenregion an. Diese Ungleichheit ist kein Zufall, sondern das Ergebnis von Kolonialismus, Landenteignung und systematischer Ausgrenzung, durch die indigene Kulturen und Lebensweisen seit Jahrhunderten benachteiligt werden.
 
Der Theologe Gustavo Gutiérrez hat darauf hingewiesen, dass Ungleichheiten dem Willen Gottes widersprechen. Wenn wir uns unserer eigenen Privilegien bewusstwerden, sind wir aufgefordert, sie nicht als selbstverständlich hinzunehmen, sondern sie als Werkzeug zu nutzen, um zu dienen, uns mit denjenigen zu solidarisieren, deren Stimmen oft überhört werden, und uns für eine Welt einzusetzen, in der alle Menschen gleichberechtigt teilhaben können.
 
Christus ist über alle Grenzen hinweg gegenwärtig. Besonders in den Armen und Unterdrückten. Er hat sich selbst mit den Armen, Ausgegrenzten und Unterdrückten identifiziert. Wenn wir das ernst nehmen, bedeutet das: Jeder Mensch verdient unseren tiefsten Respekt, unsere Aufmerksamkeit und unseren Einsatz für Gerechtigkeit.
 
Elena Muguruza - Ausschuss Weltkirche und Partnerschaft