Ein ökumenischer Lernweg - der konziliare Prozess

für Gerechtigkeit, Frieden und  Bewahrung der Schöpfung

Im Jahr 1983 wurde bei der 6. Vollversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen in Vancouver zunächst ein allgemeines christliches Friedenskonzil ins Auge gefasst.
 
Als realisiert wurde, dass für die Menschen des globalen Südens die Frage der Gerechtigkeit die elementare Überlebensfrage ist, einigten sich die 352 christlichen Mitgliedskirchen auf einen »konziliaren Prozess der gegenseitigen Verpflichtung zu Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung«. 
Neuorientierung in Europa 
Bei den ökumenischen Versammlungen in Dresden und Magdeburg 1988/89 fanden auf Ebene der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen (ACK) nahezu alle christlichen Konfessionen zusammen, um auf die krisenhafte Situation weltweit und in der DDR zu reagieren. Im April 1989 wurde das Dokument „Eine Hoffnung lernt gehen“ in der Dresdner Kreuzkirche verabschiedet und die Positionen für einen friedlichen Wandel formuliert. Im Mai 1989 folgte die erste europäische ökumenische Versammlung in Basel „Frieden in Gerechtigkeit“.
Konsens auf Weltebene 
1990 fand im südkoreanischen Seoul die erste ökumenische Weltversammlung statt. Der erreichte Konsens mündete in zehn Grundüberzeugungen, die den Kern eines sozialethischen ökumenischen Katechismus bilden (hier gekürzt wiedergegeben).
  1. Alle Ausübung von Macht muss vor Gott und vor den Menschen verantwortet werden.
  2. Gott steht auf der Seite der Armen. Armut ist ein Skandal und ein Verbrechen.
  3. Alle Menschen sind gleichwertig und in Jesus Christus mit Gott und untereinander versöhnt.
  4. Mann und Frau sind nach dem Bilde Gottes geschaffen und haben die gleiche Würde.
  5. Wahrheit gehört zur Grundlage einer Gemeinschaft freier Menschen. Der Zugang zur Wahrheit und zu Bildung und Information ist ein menschliches Grundrecht.
  6. Die einzig mögliche Grundlage für einen dauerhaften Frieden ist Gerechtigkeit.
  7. Alles Leben ist von Gott geschaffen und soll heilig gehalten werden.
  8. Die Erde gehört Gott. Sie soll so genutzt werden, dass sie ihre lebensspendende Kraft erhalten oder wiederherstellen kann.
  9. Der Anspruch der Kinder auf Würde ergibt sich aus ihrer besonderen Verletzlichkeit und aus ihrem Bedürfnis nach Zuwendung und Liebe.
  10. Gerechtigkeit und Menschenrechte sind untrennbar verbunden. Quelle der Menschenrechte ist die Gerechtigkeit Gottes, die aus Unterdrückung und Versklavung befreit.
Dem konziliaren Prozess verpflichtet
Bestätigt wurde die ökumenische Lernbewegung auf der Vollversammlung des Weltkirchenrates 1991 in Canberra und 1992 bei der UN-Konferenz für Umwelt und Entwicklung in Rio de Janeiro, 1996 bei der Ersten Deutschen Ökumenischen Versammlung in Erfurt und 1997 bei den Europäischen Ökumenischen Versammlungen in Graz und 2007 in Sibiu/Hermannstadt. Wesentliche Ergebnisse waren die Entwicklung von Friedensdiensten in den Kirchen Europas, die Ökumenische Friedensdekade zur Überwindung von Gewalt (2001-2011), die Einführung eines „Tages der Schöpfung“, bzw. einer „Schöpfungszeit“, der ökumenische Pilgerweg durch Europa in den Jahren 2006/07 und die Friedenskonvokation 2011 in Kingston/Jamaika zum Thema „Leitbild für einen gerechten Frieden“.
Aktualität heute
Die Themen des Konziliaren Prozesses haben bis heute nichts an Dringlichkeit verloren. Auch und vor allem in der weltkirchlichen Arbeit entspricht der Einsatz für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung der gemeinsamen ökumenischen Berufung der Kirchen. 
 
Für die weltkirchliche Arbeit im Sinne von „MACHT KRITISCH WELTKIRCHE“ möge das Glaubensbekenntnis der Weltversammlung von Seoul 1990 Orientierung sein.
 
Wir glauben an Gott,
der die Liebe ist,
und der die Erde allen Menschen geschenkt hat.
Wir glauben nicht an das Recht des Stärkeren,
an die Stärke der Waffen,
an die Macht der Unterdrückung.
Wir glauben an Jesus Christus,
der gekommen ist, uns zu heilen,
und der uns aus allen tödlichen Abhängigkeiten befreit.
Wir glauben nicht, dass Kriege unvermeidlich sind,
dass Friede unerreichbar ist.
Wir glauben an die Gemeinschaft der Heiligen,
die berufen ist, im Dienst aller Menschen zu stehen.
Wir glauben nicht, dass Leiden umsonst sein muss,
dass der Tod das Ende ist,
dass Gott die Zerstörung der Erde gewollt hat.
Wir glauben, dass Gott für die Welt eine Ordnung will,
die auf Gerechtigkeit und Liebe gründet,
und dass alle Männer und Frauen
gleichberechtigte Menschen sind.
Wir glauben an Gottes Verheißung,
Gerechtigkeit und Frieden
für die ganze Menschheit zu errichten.
Wir glauben an Gottes Verheißung eines neuen Himmels
und einer neuen Erde,
wo Gerechtigkeit und Frieden sich küssen.
Wir glauben an die Schönheit des Einfachen,
an die Liebe mit offenen Händen,
an den Frieden auf Erden.
Amen.
 
Cäcilia Braun-Müller - Ausschuss Weltkirche und Partnerschaft

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