Podcast "Ein Platz an der Sonne" widmet sich Mannheims Kolonialgeschichte -
Der neue "MM"-Podcast "Ein Platz an der Sonne" startet mit der Familiengeschichte einer heute in Mannheim arbeitenden Kamerunerin. Denn in dieser gibt es eine Leerstelle, die sich nicht schließen lässt. „Platz an der Sonne“ ist heute eine Metapher für die Kolonialpolitik des Deutschen Kaiserreichs.
Der Streit um den Umgang mit der Kolonialgeschichte tobt seit einigen Jahren auch in Deutschland. Nach wie vor sind über 100 Straßen und Plätze in der Republik nach Kolonialverbrechern wie Adolf Lüderitz, Gustav Nachtigal oder Theodor Leutwein benannt. In Bad Lauterberg im Harz bohrt sich sogar eine über zwei Meter große Bronze des Kolonialisten Hermann von Wissman in den Himmel. Aber wieso sollte man jemandem, der mordete, vergewaltigte und für seine Brutalität bekannt war, ein Denkmal bauen?
Denn bis heute wird in Deutschland die eigene Kolonialgeschichte verharmlost. Es herrscht die Meinung, Deutschland habe im Vergleich mit anderen europäischen Mächten kaum Kolonien besessen und diese wenigen auch nur für eine kurze Zeit. Tatsächlich aber war Deutschland zwischenzeitlich die drittgrößte Kolonialmacht auf dem afrikanischen Kontinent.
Und wie die anderen Europäer manifestierten auch die Deutschen ihre Vormachtstellung durch Gewalt: Peitschenhiebe, Vergewaltigung und verbrannte Erde. All das, um auch ihren „Platz an der Sonne“ zu sichern.
Kaum Aufarbeitung der Kolonialzeit in Deutschland
Für die Eroberungen im späten 19. Jahrhundert spielte Mannheim eine bedeutende Rolle. Durch den größten Binnenhafen Süddeutschlands wurde die Stadt zu einem wichtigen Knotenpunkt für transkontinentalen Handel mit den Kolonien der Südhalbkugel. Vor allem Rohrzucker, Tropenholz und Chinarinde importierte die Stadt massenweise. Und so überrascht es kaum, dass auch Mannheim einige Kolonialverbrecher hervorbrachte: Theodor Seitz avancierte zum Gouverneur der Kolonie Deutsch-Südwestafrika und Theodor Bumiller schloss sich der Wissmanntruppe in Ostafrika an, beteiligte sich an Plünderungen und mordete. Die Beute dieser Raubzüge steht noch heute in der Sammlung Bumiller der Reiss-Engelhorn-Museen.
Die Folgen von „Ein Platz an der Sonne“
Das alles ist lange her. Doch auch mehr als 100 Jahre später ist es wichtig, über die Kolonialzeit zu sprechen, denn eine Aufarbeitung der Verbrechen hat weder in Europa noch in Deutschland und somit in Mannheim kaum stattgefunden.
Mit den Folgen dieses Herrschaftssystems müssen die ehemals kolonisierten Länder noch heute leben. Denn mit der Kolonialisierung des globalen Südens haben die europäischen Nationalstaaten den Grundstein für instabile Regierungen, wirtschaftliche Schwächen und ethnische Konflikte gelegt. Und auch in der deutschen Gesellschaft haben sich Strukturen eingebrannt, die Rassismus, Unterdrückung und Ausbeutung begünstigen: Wer sich gegen heutigen Rassismus wendet, kann den historischen Rassismus der Kolonialepoche kaum übersehen.
Wie also umgehen mit rassistischen Symboliken, den Straßennamen, den Denkmälern und der kolonialen Raubkunst in den Museen?
Der neue Podcast des „Mannheimer Morgen“, „Ein Platz an der Sonne“, setzt hier einen thematischen Schwerpunkt. Es geht um Geschichten rund um die deutsche Kolonialzeit – in denen Mannheim ein Schauplatz ist. Ziel war dabei, Menschen zu Wort kommen zu lassen, die in diesem Diskurs häufig nicht gehört werden, und ihre Perspektiven aufzuzeigen.
Jede der vier Folgen des Podcasts erzählt eine Geschichte über ein Leben, das durch den Kolonialismus geprägt ist. Es erzählen Menschen, die ihre Familie verloren haben, Unternehmer, die durch Raubbau in den Kolonien reich geworden sind. Experten sprechen über das moralische Dilemma der Rückgabe geraubter Kunstschätze und darüber, wie Deutschland sein Rassismusproblem lösen kann.
