Zum Gebrauch der Sprache aus machtkritischer Perspektive

Sprache prägt unsere Welt - wie können wir sie machtkritisch nutzen und gestalten?

In einer Zeit, die aktuell von unzähligen Kulturkämpfen geprägt ist, spielt nicht zuletzt die Sprache eine herausragende Rolle. So stellte sich auch uns Autor*innen bei der Abfassung unserer Beiträge die Frage, welche Sprache wir verwenden wollen, ob wir uns einer gendergerechten Sprache oder der traditionellen Sprache mit dem generischen Maskulinum bedienen sollen. Ähnliches gilt auch für Begrifflichkeiten einer rassismuskritischen und rassismussensiblen Sprache. Was bringen wir jeweils damit zum Ausdruck, aber auch welche kulturellen und ideologischen Barrieren entstehen durch eine Verwendung oder Nichtverwendung?
 
Bei dieser Fragestellung erinnerte ich mich an eine Formulierung Ludwig Wittgensteins, die meiner Meinung nach auch heute noch Gültigkeit besitzt. In seinem Zitat «Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt» verdeutlicht er, wie stark Sprache unsere Wahrnehmung der Realität prägt. Er entwickelte die Idee der «Sprachspiele», bei der die Bedeutung von Wörtern durch ihren Gebrauch in verschiedenen Kontexten bestimmt wird Danach ist die Bedeutung von Wörtern nicht festgelegt, sondern ergibt sich aus ihrem Gebrauch in konkreten sozialen und kulturellen Kontexten. Sprache ist somit kein starres System, sondern eine flexible Praxis, die sich je nach Situation verändert. Mit dem Leitsatz „Die Bedeutung eines Wortes ist sein Gebrauch in der Sprache“ zeigt Wittgenstein also, dass unsere Welt nicht nur durch Sprache begrenzt, sondern auch durch ihren alltäglichen Einsatz ständig neu geformt wird.
 
Wittgenstein lehnt die Vorstellung einer „reinen“ Sprache ab. Sprache ist eine soziale Praxis, eingebettet in Lebensformen. Wenn sich Lebensformen oder ihre Sichtbarkeit verändern (z. B. Geschlechterrollen, Diversität), dann ändern sich auch die Sprachspiele. Sprachwandel hat es immer gegeben, und immer stand er in Bezug zu einer sich ändernden Lebenspraxis und damit auch zu sich verändernden Machtkonstellationen.
 
Sprache bestimmt also, wie wir die Welt verstehen. Sie ist wandelbar, machtvoll und zugleich begrenzend. Jede Erweiterung unseres Wirklichkeitsverständnisses geht also einher mit einer Erweiterung unserer sprachlichen Möglichkeiten.
 
Welche Konsequenzen ergeben sich nun hieraus für eine machtkritische Sprachverwendung?
Grundziel unseres Projektes MACHT KRITISCH WELTKIRCHE ist es, Interesse und Verständnis für unsere Thematik bei einem breiteren Adressatenkreis zu finden. Dafür ist es wichtig, dass die Sprachverwendung nicht von vorneherein trennend wirkt, sondern über mögliche positive oder negative Befindlichkeiten hinaus einen Kommunikationsraum eröffnet.
 
Dafür ist es einerseits nötig, eine Sprache zu verwenden, die unserer veränderten Wirklichkeitssicht Rechnung trägt und nicht gedankenlos und wenig empathisch bisherige Begriffe, die einen Bedeutungswandel vollzogen haben, weiterhin zu verwenden.
 
Andererseits ist es meiner Meinung aber auch zu vermeiden, eine Sprache zu übernehmen, die durch veränderte künstliche Schreib- und Ausdrucksweisen Menschen vom Thema abschreckt.
Von daher finden sich in unseren Texten, soweit sie von uns stammen, durchaus verschiedene Schreibweisen und Diktionen. Wir überlassen es der jeweiligen Verantwortung der verfassenden Person und verzichten deshalb bewusst auf eine einheitliche Form. Diese Vielfalt lässt deutlich werden, dass Sprache ebenso wie unser Bewusstsein im Wandel begriffen ist.
 
Thomas Schmidl - stellv. Vorsitzender des Ausschusses Weltkirche und Partnerschaft