Entstehung von Rassismus

Kein Land ist frei von Rassismus - auch heute nicht!

»Um die Situation der Unterdrückung zu überwinden, muss der Mensch zunächst ihre Ursachen kritisch erkennen, damit er durch verändernde Aktion eine neue Situation schaffen kann, eine, die das Streben nach vollerer Menschlichkeit ermöglicht« Paulo Freire
 
Entstehung des Rassismus
Die „Rasse” ist ein soziales Konstrukt und kein biologisches Faktum. Sie hat keine wissenschaftliche Grundlage. Das bedeutet, dass die Idee der „Rasse“ von Menschen geschaffen wurde und nicht mit genetischen Unterschieden zu begründen ist. Es handelt sich um ein Ordnungsprinzip, das in bestimmten Gesellschaften verwendet wird, um Menschen zu kategorisieren und zu hierarchisieren.
 
Sobald sich die Kolonialmächte Anfang des 16. Jahrhunderts in Lateinamerika etabliert hatten, wurde eine rassistische Ideologie eingeführt. Das heißt, die äußerlichen Unterschiede bzw. die phänotypischen Merkmale innerhalb der Menschheit (angebliche „Rassen“) wurden zum ersten grundlegenden Kriterium für die Einteilung der Weltbevölkerung in Ränge, Plätze und Rollen in der Machtstruktur der neuen (amerikanischen und weltweiten) Gesellschaft. Das Ziel bestand darin, die rücksichtslose Ausbeutung von Menschen und Natur durch die Kolonialherren zunächst in Amerika zu rechtfertigen und zu legitimieren bzw. die Ausübung asymmetrischer Macht. Dies hat zur Folge, dass die Verteilung von Ressourcen und Macht die Grundlage für die Definition sozialer, wirtschaftlicher und kultureller Strukturen bildet. Auch diese Verteilung beeinflusst, wie Menschen in einer Gesellschaft leben, arbeiten und miteinander interagieren, und auch, wie Wirtschaften funktionieren und kulturelle Werte und Normen entstehen und sich weiterentwickeln. Seit der Kolonialzeit prägt Rassismus die sozialen, wirtschaftlichen und kulturellen Strukturen weltweit entscheidend. Er ist ein System struktureller Diskriminierung, das zu Ungleichheit, Benachteiligung und Ausgrenzung führt.
 
Sklaverei und Rassismus sind historisch eng verzahnt, insbesondere durch den transatlantischen Sklavenhandel, der auf einer konstruierten Ideologie weißer Überlegenheit basierte. Um die Ausbeutung von Millionen Afrikanern rechtlich und moralisch zu legitimieren, wurden rassistische Vorurteile etabliert, die Schwarze als minderwertig darstellten. Nach dem Ende der offiziellen Sklaverei prägten Segregation und struktureller Rassismus die Gesellschaft weiter, was bis heute in Form von Polizeigewalt und wirtschaftlicher Ungleichheit nachwirkt.
 
Der Versuch, die Menschheit anhand rassistischer Theorien in verschiedene „Rassen“ einzuteilen.
Seit dem späten 18. Jahrhundert war es für westlich orientierte Forscher, Anthropologen und Genetiker ein zentrales Thema, die Menschheit in angebliche „Rassen“ einzuteilen. Es begann die Suche nach wissenschaftlichen Beweisen für die Existenz der Theorie der „Rassen“. Ziel war es , die Welt zu ordnen und klassifizieren und so eine Hierarchie der „Rassen“ zu begründen, an deren Spitze gewöhnlich die „weiße Rasse“ stand. Im Jahr 1775 erschienen zwei Werke von Johann Friedrich Blumenbach und Immanuel Kant, in denen die gesamte Menschheit in vier bzw. fünf „Rassen“ eingeteilt wurde. Mit dieser Einteilung war eine Über- bzw. Unterordnung verbunden, eine hierarchische Struktur also. Der französische Graf Arthur de Gobineau legte den Grundstein für moderne Rassentheorien. In seinem zwischen 1853 und 1855 erschienenen Buch „Essai sur l’inégalité de races humaines“ stellte er die Theorie einer arischen Herrenrasse auf. Das Buch galt als Hauptwerk des Rassismus. Im Jahr 1859 publizierte Charles Darwin seine Evolutionstheorie, die dazu ausgenutzt wurde, Bei die Ethnologie zu „biologisieren“. Das führte dazu, dass die Abstammungslehre in den Kolonien dazu verwendet wurde, Menschen im Globalen Süden als evolutionär „unterentwickelte“ Menschen zu sehen. Dadurch wurde der Begriff der „Rasse” verstärkt als biologische Kategorie wahrgenommen. Später versuchten Anthropologen, den Unterschied körperlicher Merkmale an Schädeln, Kiefern, Nasenformen zu beweisen.
 
Nationalsozialistische „Rassen“lehre
Die Nationalsozialisten verfolgten eine radikale „Rassen“lehre. Sie folgten Anthropologen, die den Unterschied zwischen den Rassen an Körpern beweisen wollten. Die völkische Bewegung berief sich auf die Theorien de Gobineuas. Die Kernaussage war, dass es verschiedene „Menschenrassen“ gebe und eine davon zum Herrschen bestimmt sei. Die Nationalsozialisten unterschieden hierbei vor allem zwei „Rassen“: die sogenannten „Arier“ und die Juden. Auf Grundlage dieser „Rassentheorien“ verübten die Nationalsozialisten organisierte und systematische Massenmorde an Juden sowie an Sinti und Roma. Auch andere Bevölkerungsgruppen waren davon betroffen, darunter Homosexuelle, Schwarze, Menschen mit Behinderung. Es handelte sich dabei um eine endlose und schreckliche Liste.
 
Rassismus in der Gegenwart
Alltagsrassismus
Auch heute noch verletzt Rassismus die Rechte unzähliger Menschen. Seine aktuellen Formen sind nach wie vor präsent. Kein Land ist frei von Rassismus.
 
Als Alltagsrassismus werden rassistische Verhaltensweisen und Äußerungen bezeichnet, die bewusst oder unbewusst im Alltag auftreten. Er umfasst Vorurteile, Stereotypen und Anmaßungen. Die Folge davon ist die Stigmatisierung der Betroffenen. Diese kann in Form von Kommentaren, Fragen, Witzen oder als Reflexhandlung erfolgen und stellt für die Betroffenen eine große Belastung dar. Allein die Unterstellung, dass jemand aufgrund seines Aussehens kein Deutscher ist, kann von der betroffenen Person als Ausgrenzung empfunden werden. Dazu gehören Kommentare wie: „Du sprichst aber gut Deutsch, obwohl du Ausländer bist.“ Das Verallgemeinern von Eigenschaften bestimmter ethnischer Gruppen oder das Urteilen aufgrund der Herkunft fallen ebenfalls unter Alltagsrassismus. Von Erfahrungen mit Alltagsrassismus sind Gruppen betroffen, die sich in einer besonders verletzlichen Situation befinden. Laut dem Nationalen Diskriminierungs- und Rassismusmonitor von März 2025 erfahren mehr als 60 % der muslimischen Frauen und Schwarzen Menschen in Deutschland Diskriminierung.
 
Struktureller Rassismus
Der Begriff des strukturellen Rassismus bezeichnet Ungleichheiten, die signifikante Auswirkungen auf den Zugang zu Bildung, Beschäftigung, Wohnraum, Gesundheitsversorgung und Justiz haben. Langfristig können daraus gravierende negative Konsequenzen für die Betroffenen entstehen bzw. zu ungleichen Chancen und Ergebnissen führen. So werden Menschen mit dunklerer Hautfarbe oder bestimmten Namen möglicherweise bei der Jobsuche oder bei der Wohnungssuche diskriminiert. Indigene sind auch in Lateinamerika häufig stark von Armut betroffen, was maßgeblich auf strukturellen Rassismus zurückzuführen ist. In Deutschland sind Menschen mit Migrationshintergrund ebenfalls stärker von Armut gefährdet, was ebenfalls auf strukturellen Rassismus zurückzuführen ist.
 
Rassismus als Hintergrund für gewalttätige Konflikte
Historisch betrachtet spielte der Rassismus weltweit eine zerstörerische Rolle bei gewalttätigen Konflikten. Viele unschuldige Menschen verloren ihr Leben, ganze Bevölkerungsgruppen wurden ermordet.
  •  Der Rassismus der Nationalsozialisten führte zu systematischen Verfolgungen und Verbrechen, die bis zur Ermordung von Juden sowie von Sinti und Roma durch die Nationalsozialisten reichten. 
  • Der Bürgerkrieg in Südafrika, der von Mitte der 1980er bis Mitte der 1990er Jahre andauerte, wurde durch Rassismus und die Apartheidpolitik ausgelöst. Die Apartheid war ein System das von 1948 bis 1994 in Südafrika existierte. Ein System der Entmenschlichung und Diskriminierung. Es basierte auf der Einteilung der Bevölkerung in angebliche verschiedene „Rassengruppen“ und der Bevorzugung der weißen Bevölkerungsgruppe in allen Bereichen des Lebens. Die schwarze Bevölkerung, die die Mehrheit stellte, wurde unterdrückt. Zum Beispiel besaßen Weiße den größten Teil des fruchtbaren Ackerlandes, während schwarze Südafrikaner oft in weniger produktiven Gebieten lebten. Schwarze hatten kein Wahlrecht und durften nicht an politischen Entscheidungen teilnehmen. Das Ende der Apartheid in Südafrika wurde 1994 mit den ersten allgemeinen Wahlen markiert, bei denen Nelson Mandela zum Präsidenten gewählt wurde.
  • Auch in anderen Ländern wie den USA war Rassismus fester Bestandteil der Armee. Dadurch verstärkten sich die negativen Auswirkungen des Krieges noch, da bestehende Ungleichheiten dadurch verschärft wurden.
  • Der guatemaltekische Bürgerkrieg (1960–1996) war von schwerwiegenden Menschenrechtsverletzungen geprägt. Laut dem Bericht der „Kommission zur Aufklärung der Geschichte Guatemalas“ wurden mindestens 200.000 Menschen getötet, 83 % von ihnen waren indigene Personen, hauptsächlich Maya. Die Kommission stufte die Verbrechen als Genozid ein.
  • Im internen bewaffneten Konflikt von 1980 bis 2000 zwischen  der terroristischen maoistischen Gruppe „Leuchtender Pfad“ und der Staatsmacht in Peru beispielsweise kamen 79 % der 69.280 Opfer aus ländlichen Gebieten und 75 % sprachen Quechua oder eine andere indigene Sprache als Muttersprache. So schreibt die peruanische Wahrheits- und Versöhnungskommission in ihrem Abschlussbericht. Die Aufgabe der Kommission bestand darin, die Verbrechen beider Kriegsparteien im internen bewaffneten Konflikt aufzuarbeiten.
Die Würde des Menschen ist unantastbar
Rassismus ist vor allem eine zerstörerische Macht. Er verstärkt bestehende Ungleichheiten zwischen verschiedenen Gruppen. Er fördert Hass in der Gesellschaft. Rassismus und Hass sind Phänomene, die eng miteinander verwoben und gehen oft Hand in Hand. Rassismus bedroht den Rechtsstaat bzw. demokratische Systeme. In diesem Sinne sagte Salomon Lerner, der Präsident der peruanischen Wahrheits- und Versöhnungskommission, bei der Übergabe des Abschlussberichts im Jahr 2003: „Der vorliegende Bericht zeigt unserem Land und der ganzen Welt, dass es nicht möglich ist, mit der Missachtung anderer Menschen zu leben. Eine solche Krankheit richtet sehr deutlich spürbaren Schaden an. Von heute an stehen hier auf diesen Seiten die Namen tausender Toter und Verschwundener, um uns daran zu erinnern“. Die Überwindung von Rassismus ist ein fortlaufender Befreiungsprozess, der sowohl den Einzelnen als auch die Gesellschaft zu mehr Menschlichkeit führt. Er erfordert nicht nur individuelle Veränderungen, sondern auch gesellschaftliche sowie strukturelle Veränderungen, um eine freie und friedliche Gesellschaft zu schaffen. Ein wichtiger Beitrag zur Prävention und Bekämpfung von Rassismus aus wissenschaftlicher Sicht ist die „Jenaer Erklärung“ von 2019. Darin widerlegten führende Wissenschaftler aus den Bereichen Evolutionsforschung, Genetik und Zoologie das Konzept der „Rassen“ in Bezug auf den Menschen als wissenschaftlich nicht haltbar.
 
Elena Muguruza - Mitglied im Ausschusses Weltkirche und Partnerschaft
 

Quellen
 
Bericht der „Kommission zur Aufklärung der Geschichte Guatemalas“, Februar 1999
 
Abschlussbericht der Wahrheits- und Versöhnungskommission in Peru, August 2003
 
Aníbal Quijano, "Kolonialität der Macht, Eurozentrismus und Lateinamerika", Turia * Kant, April 2019.
 
Bundeszentrale für politische Bildung