Widerstand gegen Kolonialismus in Lateinamerika

Bewahrung von Identität und Kultur im kolonialen Kontext

Die spanische Krone errichtete in ihren amerikanischen Kolonien eine Wirtschaftsstruktur, die auf der Ausbeutung von Ressourcen, dem Abbau von Edelmetallen – insbesondere Silber und Gold – sowie der Plantagenwirtschaft und der Kontrolle des Handels basierte. Die verschiedenen Formen der Zwangsarbeit bildeten die Grundlage des Arbeitssystems in den Kolonien. Die Sklaverei wurde vor allem in der Plantagenwirtschaft als Mittel zur Deckung des Arbeitskräftebedarfs eingesetzt. Zu den Zwangsarbeitssystemen gehörten auch
  • „la Encomienda“: Im Rahmen des Encomienda-Systems erhielten die spanischen Kolonisatoren Land und indigene Arbeitskräfte.
  • „el Repartimiento“:  Das Repartimiento verpflichtete die Indigenen hingegen, gegen einen Mindestlohn in verschiedenen Bereichen wie Landwirtschaft, Bergbau oder Baugewerbe im Schichtdienst zu arbeiten.
  • la Mita“. Die Mita, die insbesondere im Vizekönigreich Peru verbreitet war, war ein rotierendes System der Zwangsarbeit in den Minen, in denen die Indigenen zur Schichtarbeit gezwungen wurden.
Die Kolonialherren zerstörten oder veränderten in den eroberten Gebieten Lateinamerikas bestehende Strukturen, wie politische, soziale und kulturelle Systeme. Dazu gehörte auch die Zerstörung vorhandener landwirtschaftlicher Strukturen und Praktiken. Das Inkarreich beispielsweise besaß durch sein Straßennetz eine hervorragende Infrastruktur und war straff organisiert. Auch diese wurde zerstört.
 
Während der spanischen Eroberungen bzw. der Kolonialzeit starben zwischen 1492 und dem Beginn des 17. Jahrhunderts ca. 90% der Ureinwohner. An erster Stelle verursachten dies die eingeschleppten und für die Indigene neuen Krankheiten, die Pandemien auslösten, aber auch Eroberungskriege, zahlreiche Massaker und die gesundheitsschädigende Zwangsarbeit unter menschenverachtenden Bedingungen. Vor der Ankunft der Europäer bzw. Spanier im Jahr 1492 gab es in Amerika hochentwickelte Zivilisationen wie bspw. die der Inkas, Mayas, Olmeca, Asteca, Mapuche, Nasca, Chavin. Die Kultur von Caral in Peru zählt zu den ältesten Zivilisationen der Welt, neben denen des Alten Ägyptens und Mesopotamiens. Caral wird oft als „Wiege der amerikanischen Zivilisation“ bezeichnet. Diese Kulturen waren nicht nur zahlreich, sondern auch vielfältig und verfügten über eigene kulturelle, soziale und politische Strukturen.
 
Obwohl sie während der Kolonialzeit extrem verfolgt, zerstört und unterdrückt wurden, sind indigene Kulturen und Kulturen afrikanischer Abstammung in Lateinamerika bis heute präsent. Ihre sozialen Bewegungen (Bauerngewerkschaft, Frauen, usw.) spielen auch heute noch eine zentrale Rolle bei der Modernisierung und Transformation lateinamerikanischer Gesellschaften. Die Bemühungen dieser Akteure zielen auf die Etablierung gerechterer Strukturen, die Einhaltung der Menschenrechte sowie den Schutz der Natur ab. Die Verteidigung und Wiederherstellung der historischen Erinnerung und auch der Erhalt der Kultur stellten eine signifikante Reaktion auf den Kolonialismus und dessen anhaltende Auswirkungen bis in die Gegenwart dar. Der Widerstand der Bevölkerung gegen die spanische Kolonialisierung war ein kontinuierlicher und vielschichtiger Prozess. Dieser Widerstand zeigt sich auf unterschiedliche Weise, von der Bewahrung der eigenen Kultur bis hin zu bewaffneten Aufständen. Der Kampf um die Durchsetzung dieses Wandels ist von langer Dauer und mit erheblichen Schwierigkeiten verbunden, da die herrschenden Machtgruppen mit Gewaltmaßnahmen reagieren.
In der Gegenwart ist in jedem lateinamerikanischen Land die kollektive Erinnerung an eine Reihe indigener Anführer präsent, die während der spanischen Kolonialzeit Widerstandsbewegungen bildeten. Zu ihnen zählen Anacaona aus der Dominikanischen Republik und Haiti, Hatuey aus Kuba, Francisco Tenamaxtli aus Mexiko, Lautaro aus Chile und Túpac Amaru II. aus Peru.
 
Die Verbindung von Hautfarbe mit Sklavenarbeit und Entmenschlichung war ebenfalls eine Folge des Rassismus in der Kolonialzeit. Nachdem der Sklavenhandel aus Afrika in Amerika eingeführt wurde, kam es in den amerikanischen Kolonien auch zu zahlreichen Aufständen und Rebellionen schwarzer Sklaven. Sie wollten die unmenschlichen Lebensbedingungen überwinden und ihre Sehnsucht nach Freiheit erfüllen. Einer der ältesten dokumentierten Aufstände in Amerika war der Sklavenaufstand von Santo Domingo im Jahr 1521, der sich in der gesamten Region ausbreitete – darunter in Venezuela, Louisiana, Jamaika und Trinidad. Im späten 16. und 17. Jahrhundert wurden in Regionen wie Corrientes und Córdoba (Argentinien) ebenfalls Aufstände und Widerstand verzeichnet. Eine weitere Form des Widerstands waren Sklaven, die von den Plantagen flohen und in den Bergen und abgelegenen Gebieten eigene freie Gemeinschaften gründeten.
 
Auch nach den Unabhängigkeitsprozessen in Lateinamerika, die insbesondere zwischen 1804 und 1898 stattfanden, blieben die sozialen, wirtschaftlichen und politischen Strukturen der Kolonien in den neuen Republiken bestehen. In Peru beispielsweise war Spanisch von Beginn der Republik an die Amtssprache, obwohl 60 % der Bevölkerung Quechua als Muttersprache sprachen. Erst 1975 wurde erreicht, dass auch Quechua als Amtssprache anerkannt wurde.
 
Die indigenen Kulturen bewahrten ihre Sprachen, Rituale, ihr Umweltwissen sowie ihre überlieferten Praktiken und gaben all dies an neue Generationen weiter. So gelang es ihnen, ihre Identität und Kultur im kolonialen Kontext, in der gesamten republikanischen Geschichte und bis in die Gegenwart zu bewahren. Für viele dieser Kulturen ist Solidarität die Grundlage des Lebens.
 
Elena Muguruza - Mitglied im Ausschusses Weltkirche und Partnerschaft
 

 
Quellen
José de la Puente Brunke, „Encomienda yencomenderos en el Perú: Estudio social y político de una institución colonial“, Publicaciones de la Excma. Diputación Provincial de Sevilla, 1992
 
Jose Alcinas, „Las culturas precolombinas de América“, Alianza Editotial, 2009
 
D. Cortez / H. Wagner, „Zur Genealogie des indigenen „Guten Lebens“ (Sumak Kawsay) in Ecuador“, Universität Wien, 2010
 
Alberto Acosta, „Buen Vivir. Vom Recht auf ein gutes Leben“, oekom, 2015
 
Alfonso Hernández Barrón „Resistencias de los pueblos originarios de América Latina durante la colonización española y sus aportes a la defensa de los derechos de los pueblos“, Universidad de Alcalá, 2021
 
María Rostworowski, „Tahuantinsuyu, Historia del imperio inca", Punto de Vista Editores, 2023
 
Bundeszentrale für politische Bildung
 
Wikipedia