Mit Rassismus rechnen - auch in der Kirche

... eine unbequeme, aber notwendige Wahrheit!

„Mit Rassismus rechnen – auch in der Kirche.“ So könnte für mich die Quintessenz eines Studientags mit PD Dr. Stefan Silber lauten, die er mit dem Ausschuss Weltkirche und Partnerschaft verbracht hat. Sie bringt eine unbequeme, aber notwendige Wahrheit zum Ausdruck: Rassismus ist nicht bloß ein individuelles Fehlverhalten, sondern tief in unseren gesellschaftlichen und kulturellen Strukturen verwurzelt – und damit auch in der Kirche. Er beginnt nicht erst bei Hass und offener Diskriminierung, sondern zeigt sich oft leise, im Alltäglichen. 
  
In scheinbar „gut gemeinten“ Bemerkungen, in gewohnter Sprache, in unausgesprochenen Selbstverständlichkeiten und in institutionellen Strukturen, etwa wenn kirchliche Gremien nahezu ausschließlich mit weißen Menschen besetzt sind, wenn außereuropäische Theologien kaum berücksichtigt werden oder wenn Priester der Weltkirche vor allem als Lückenfüller und selten als Verantwortungsträger wahrgenommen werden. 
  
Diese Realität ist keine Frage von Schuldzuweisung, sondern Ausdruck einer Geschichte, die unsere Kirche ebenso geprägt hat wie unsere Gesellschaft. Denn die christliche Mission war über Jahrhunderte eng mit kolonialer Expansion verbunden. Theologische Auslegungen wurden dazu benutzt, koloniale Herrschaft zu legitimieren – etwa durch die Deutung der sogenannten Verfluchung des Noahsohnes Hams in der Genesis (Gen 9,24-26) und seiner Nachkommen als Rechtfertigung für die Versklavung schwarzer Menschen. In Gen 10,6 steht: „Die Söhne Hams sind Kusch, Ägypten, Put und Kanaan.“ Silber zitierte eine biblische Ausdeutung dieser Stelle durch den Spiritaner Superior Anton Horner (1827–1880): „Unter den fünf Welttheilen ist ohne Widerrede Afrika der unglücklichste und verlassenste. […] Von Cham, Noe’s zweitem Sohne bevölkert, liegt jener Welttheil noch heute unter dem schweren Druck des Vaterfluches.“ „Die schwarze Farbe der Nachkommen Chanaan’s bezeugt noch, dass ihre Rasse schon im Anfang vom Zorn des Himmels getroffen worden.“     
       
Auch das Bild Jesu als weißer Europäer, das sich in Kunst, Ikonografie und Liturgie tief eingeprägt hat, gehört zu diesen Nachwirkungen. Die Spuren kolonialer Theologie sind auch heute noch sichtbar – in unserer Sprache, in unseren Bildern, in unseren Machtverhältnissen. 
  
In diesem Zusammenhang wäre auch die Theorie des „White Saviour“ – des „Weißen Retters“ zu nennen. Diese Darstellung reproduziert koloniale Muster: Die westliche, weiße Figur wird als überlegene, moralisch integre Instanz inszeniert, die in der Lage ist, Probleme zu lösen, die sie selbst – durch koloniale Geschichte, wirtschaftliche Ausbeutung oder politische Macht – oft mitverursacht hat. Der „White Saviour“ lenkt dabei von strukturellen Ungleichheiten ab: Statt über Rassismus, Kolonialgeschichte oder globale Ausbeutungsverhältnisse zu sprechen, konzentriert sich die Aufmerksamkeit auf individuelle Hilfe oder symbolische Gesten. Die Ursachen von Armut, Gewalt oder fehlender Bildung erscheinen dadurch nicht als politische oder historische Konsequenzen, sondern als Defizite der betroffenen Gesellschaften selbst. So wird das bestehende Machtgefälle unbewusst stabilisiert – unter dem Deckmantel von Mitgefühl, Wohltätigkeit oder Engagement. Gerade Partnerschaften müssen sich kritisch die Frage stellen, inwieweit dieser Faktor (unbewusst) in ihrem Engagement präsent ist. 
  
Die postkoloniale Theologie, wie sie Stefan Silber vorstellt, lädt nicht zur pauschalen Anklage ein, sondern zu einer kritischen und heilsamen Selbstbefragung: Wessen Stimmen hören wir in der Kirche? Wessen Erfahrungen zählen? Und welche Perspektiven bleiben außen vor? Sie stellt die Frage, wie wir heute Theologie und kirchliches Handeln so gestalten können, dass sie die Vielfalt menschlicher Wirklichkeit wirklich ernst nehmen. Es geht dabei nicht nur um die Anerkennung kultureller Unterschiede, sondern um ein tiefgreifendes Umdenken: Wer wird repräsentiert? Wer spricht mit? Und wer bleibt unsichtbar? 
  
Ein bewusster, postkolonial sensibler Umgang mit diesen Fragen eröffnet neue Wege: durch eine veränderte Sprache, die Menschen nicht ausgrenzt oder stereotypisiert; durch ein kritisches Hinterfragen weißer Privilegien, die oft unhinterfragt als Norm gelten; durch eine repräsentative Besetzung kirchlicher Leitungsfunktionen, in denen die Vielfalt der Kirche auch sichtbar wird; durch eine echte Wertschätzung nicht-europäischer Theologien, die oft mit großer spiritueller Tiefe und gesellschaftlichem Engagement wirken – aber in europäischen Kirchen wenig beachtet werden. Auch die Bilder, mit denen wir unseren Glauben darstellen – etwa von Jesus oder den Heiligen – prägen Vorstellungen von Macht, Wert und Nähe. Sie sind nicht neutral, sondern kulturell geformt – und damit veränderbar. 
  
Rassismus ist kein Randthema. Er betrifft das Zentrum kirchlichen Handelns, wenn es um Gerechtigkeit, Würde und Teilhabe geht. Wer an das Evangelium von der Gleichwertigkeit aller Menschen glaubt, muss sich auch mit der Geschichte und den Prägungen auseinandersetzen, die dem oft widersprochen haben – und bis heute widersprechen. Postkoloniale Theologie ist deshalb keine akademische Mode, sondern ein geistlicher Weckruf: zur Umkehr, zur Veränderung, zur Öffnung. Sie fordert nicht einfach mehr „Diversität“, sondern eine Kirche, die aus der Begegnung mit dem Anderen lernt – und so das Evangelium tiefer versteht. 
  
Diese Perspektive lädt uns ein, unser eigenes kirchliches Umfeld ehrlich in den Blick zu nehmen. Wo erkennen wir blinde Flecken? Welche Erfahrungen kommen bei uns nicht vor? Was können wir konkret verändern? Es geht nicht darum, alles auf einmal zu lösen. Aber es geht darum, sensibel zu werden, genau hinzusehen und Schritt für Schritt Räume zu schaffen, in denen Gerechtigkeit, Gleichwürdigkeit und echte Teilhabe wachsen können. 
Nur eine Kirche, die bereit ist, sich selbst zu hinterfragen, kann glaubwürdig für Gerechtigkeit eintreten – und die befreiende Botschaft des Evangeliums in unserer vielfältigen Welt lebendig verkörpern. 
  
Thomas Schmidl - stellv. Vorsitzender im Ausschuss Weltkirche und Partnerschaft

Quellen: 
Stefan Silber, Postkoloniale Theologien, Narr Francke Attempto Verlag 2021
Stefan Silber, Ökologie und Postkolonialismus, echter Würzburg, 2023