Märchen von der Augenhöhe

Ein machtkritischer Blick auf die "Partnerschaft auf Augenhöhe".

In vielen Partnerschaften existiert das Ideal einer „Partnerschaft auf Augenhöhe“. Sie signalisiert eine Gleichberechtigung der Partner. Ein machtkritischer Blick schaut, ob dieser Begriff wirklich in die Praxis umgesetzt wird. 
 
Dazu ein Beispiel: Eine Partnerschaft zwischen einer Pfarrei in Freiburg und in Peru feierte in der Zeit der Pandemie ihr Partnerschaftsjubiläum. Da Reisen unmöglich waren, gab es eine Videokonferenz zwischen den beiden Partnerschaftsgruppe, bei dem ich mich als Dolmetscher zur Verfügung gestellt hatte. Die deutsche Gruppe präsentierte eine Powerpointpräsentation mit Bildern aus dem Partnerschaftsprojekt in Peru. Ich war verwundert, dass die Deutschen den Peruaner*innen die Bilder vorstellten und erklärten. Ich hatte mich eher darauf vorbereitet, dass die Peruaner die Präsentierenden wären, da es ja um ein Projekt in ihrer Pfarrei ging. Am Ende der Präsentation wurden die Partner*innen in Peru gefragt, ob sie noch Fragen hätten oder etwas ergänzen wollten. Diese Erfahrung zeigt, wie oft (unbewusst) die Personen aus dem Globalen Norden bei der Projektgestaltung eine Vormachtstellung einnehmen, die koloniale Machtverhältnisse widerspiegeln, ohne dass sie dies wollten oder es sich bewusst sind.
Kritik an der Rhetorik der „Augenhöhe“
Das Buch „Das Märchen von der Augenhöhe“ von glokal e.V. setzt sich kritisch mit dem häufig bemühten Begriff der „Partnerschaft auf Augenhöhe“ in Nord-Süd-Zusammenhängen auseinander. Es zeigt auf, dass diese Formulierung oft mehr Wunschdenken als Realität widerspiegelt und strukturelle Ungleichheiten innerhalb internationaler Partnerschaften überdecken kann. Trotz guter Absichten bestehen in vielen Partnerschaften weiterhin Unterschiede, die aus kolonialen Kontinuitäten, finanziellen Abhängigkeiten und einseitigen Machtverhältnissen resultieren.
Notwendigkeit struktureller Veränderungen
Die Publikation betont, dass strukturelle Veränderungen notwendig sind, um eine echte Partnerschaft zu ermöglichen. Dazu gehören unter anderem die Anerkennung und Einbeziehung von Wissen und Perspektiven aus dem Globalen Süden sowie die kritische Reflexion eigener Privilegien und Machtpositionen. 
Solidarität als gegenseitige Verbundenheit
Die Autor*innen fordern daher einen Perspektivwechsel: Solidarität dürfe nicht als einseitiges Geben verstanden werden, sondern müsse auf gegenseitiger Verbundenheit beruhen. Statt zu versuchen, Unterschiede zu überbrücken oder zu nivellieren, sollte die Vielfalt an Erfahrungen und Kontexten anerkannt und produktiv gemacht werden. Solidarität bedeutet in diesem Verständnis auch, in gemeinsamer Verantwortung etwas gegen Rassismus, Kolonialismus, Umweltzerstörung und soziale Ungleichheit zu tun.
Reflexions- und Praxishilfe
Die Publikation enthält eine Reflexions- und Praxishilfe, die Organisationen und Einzelpersonen dabei unterstützt, ihre eigene Arbeit kritisch zu hinterfragen und zu transformieren. Diese umfasst Fragen zu Themen wie Machtverhältnissen, Entscheidungsprozessen, Kommunikation, Finanzierung und Evaluierung.
 
Die vollständige Reflexions- und Praxishilfe kann auf der Website von glokal e.V. eingesehen werden: glokal.org/publikationen/das-maerchen-von-der-augenhoehe.
 
Thomas Schmidl - stellv. Vorsitzender des Ausschusses

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