Papst Franziskus - Einheit in der Vielfalt

eine kommentierte Auswahl von Zitaten – auch mit einem Blick auf Postkolonialismus

Papst Franziskus ist einer der deutlichsten Stimmen innerhalb der katholischen Kirche, wenn es um kulturelle Sensibilität, Machtungleichgewichte, wirtschaftliche Ausbeutung und historische Verantwortung geht.
 
Er äußert sich in vielen Reden und Schreiben kritisch gegenüber Abhängigkeitsstrukturen in Kirche, Wirtschaft, Ökologie und Kultur. Seine Kritik ist postkolonial geprägt, auch wenn er diesen Begriff selten direkt verwendet.
 
Die meisten seiner Aussagen dazu finden sich in den beiden großen Enzykliken „Laudato Si“(LS 2015) und „Fratelli Tutti“(FT 2020), aber auch in den apostolischen Schreiben „Querida Amazonia“(QA 2020) im Nachgang der Amazonassynode und „Laudate Deum“(LD 2023) über die Klimakrise.
 
Hier folgt eine Auswahl zentraler Zitate aus seinen Reden, Enzykliken und apostolischen Schreiben, die eine postkoloniale Perspektive widerspiegeln – besonders im Hinblick auf:
  • das Verhältnis von globalem Norden und Süden,
  • das Missionsverständnis der Kirche,
  • wirtschaftliche und ökologische Gerechtigkeit,
  • westliche Dominanz und kulturellem Imperialismus,
  • und die Achtung indigener Kulturen und deren Rechte.
„Träumen wir als eine einzige Menschheit, als Weggefährten vom gleichen menschlichen Fleisch, als Kinder der gleichen Erde, die uns alle beherbergt, jeder mit dem Reichtum seines Glaubens oder seiner Überzeugungen, jeder mit seiner eigenen Stimme, alles Geschwister. “ (FT Nr. 8)
In der Enzyklika Fratelli tutti in Abschnitt 8 formuliert Papst Franziskus die Vision einer weltweiten Gemeinschaft – auch im Sinne der Kirche als Teil dieser geschwisterlichen Menschheitsfamilie. Er spricht weiter davon, dass Kirche als Weltkirche offen sein muss für alle, aber ganz besonders für die Ausgegrenzten und die Fremden:
„… wenn jeder Mensch mein Bruder oder meine Schwester ist, und wenn die Welt wirklich allen gehört, ist es egal, ob jemand hier geboren wurde oder außerhalb der Grenzen seines eigenen Landes lebt.“ (FT Nr. 125).
Er sieht hier die Aufgabe der Weltkirche, nämlich sich aktiv für Gerechtigkeit und Frieden einzusetzen:
„Denn ein wirklicher und dauerhafter Frieden ist nur möglich im Anschluss an eine globale Ethik der Solidarität und Zusammenarbeit im Dienst an einer Zukunft, die von der Interdependenz und Mitverantwortlichkeit innerhalb der ganzen Menschheitsfamilie von heute und morgen gestaltet wird.“ (FT Nr. 127)
 
 
In seinen Reden zur Amazonas-Synode 2019 fordert Papst Franziskus deutlich, dass indigene Gemeinschaften selbst Subjekte und nicht Objekte der Entwicklung oder auch von Mission sein sollen. Er unterstreicht die Wechselseitigkeit in der Weltkirche, die auch von den Kirchen des Südens lernen sollte. Franziskus schreibt der Kirche die Aufgabe zu, in jeder Kultur präsent zu sein, um sie mit dem Licht des Evangeliums zu durchdringen, aber auch um von ihr zu lernen.
Wenn man die Völker und Kulturen ohne Liebe und Respekt verschlingt, ist dies nicht das Feuer Gottes, sondern der Welt. Und wie oft ist doch die Gabe Gottes nicht ange-boten, sondern aufgezwängt worden, wie oft hat es Kolonisierung statt Evangelisierung gegeben! Gott bewahre uns vor der Gier neuer Kolonialismen. (Predigt zur Eröffnung der Amazonas-Synode 2019)
Für ihn ist Vielfalt Wesensmerkmal und Bereicherung der Kirche und ihre Katholizität drückt sich  durch Einheit in der Vielfalt aus. Verschiedene Völker und Kulturen können ihren Glauben in ihrer eigenen Sprache, Musik, Kunst und Spiritualität leben – und so bereichern sie die Kirche.
„Denn die Zukunft ist nicht „einfarbig“. Wenn wir den Mut dazu haben, können wir sie in der Vielfalt und in der Unterschiedlichkeit der Beiträge betrachten, die jeder Einzelne leisten kann. Wie sehr muss unsere Menschheitsfamilie lernen, in Harmonie und Frieden zusammenzuleben, ohne dass wir dazu alle gleich sein müssen!“ (FT Nr. 100).
„Im Ruf zur Freiheit entdecken wir die wahre Bedeutung der Inkulturation des Evangeliums, die Frohe Botschaft Christi, des Erlösers, zu verkünden und dabei das Gute und Wahre der Kulturen zu respektieren. Das ist keine einfache Sache! Es gibt viele Versuchungen, das eigene Lebensmodell durchzusetzen, als sei es das, das am weitesten entwickelt und am wünschenswertesten ist. (…) Die Einförmigkeit als christliche Lebensregel ist nicht christlich. Die Einheit ja, aber nicht die Uniformität.“ (Generalaudienz vom 13.10. 2021)
 
 
Eine der zentralen Aussagen in Laudato si bezieht sich auf die wirtschaftliche Ausbeutung und die daraus folgenden Umweltschäden:
„Es besteht eine echte ökologische Schuld – vor allem des (globalen) Nordens gegenüber dem (globalen) Süden.“ (LS Nr. 51)
Papst Franziskus stellt dies in einen postkolonialen Zusammenhang:
„Der Export einiger Rohstoffe, um die Märkte im industrialisierten Norden zu befriedigen, hat örtliche Schäden verursacht wie die Quecksilbervergiftung in den Goldminen oder die Vergiftung mit Schwefeldioxid im Bergbau zur Kupfergewinnung. Besonders muss man der Tatsache Rechnung tragen, dass der Umweltbereich des gesamten Planeten zur „Entsorgung“ gasförmiger Abfälle gebraucht wird, die sich im Laufe von zwei Jahrhunderten angesammelt und eine Situation geschaffen haben, die nunmehr alle Länder der Welt in Mitleidenschaft zieht. Die Erwärmung, die durch den enormen Konsum einiger reicher Länder verursacht wird, hat Auswirkungen in den ärmsten Zonen der Erde (…).“ (LS Nr. 51)
Franziskus prangert hier die globale Ungerechtigkeit an, in der ehemals kolonialisierte Länder weiter unter westlichem Profitstreben leiden und sinngemäß schreibt er in Fratelli tutti Nr. 14 und 52 von „neuen Formen einer kulturellen Kolonisierung“ und dass sich die alten Kolonialmächte nie vollständig aus dem Geist der Beherrschung verabschiedet hätten. Das ist eine klare Kritik an neokolonialen Strukturen, die dazu beitragen, Reichtum durch Umweltzerstörung auf Kosten des globalen Südens anzuhäufen und eine klare Absage an Interessenpolitik und politische Passivität. Was heute als Fortschritt bezeichnet wird, war oft eine tiefere Unterwerfung der Armen unter neue Mächte, wie Franziskus in Laudate Deum in Abschnitt 31 ausführt:
„Die Logik des maximalen Profits zu den niedrigsten Kosten, verschleiert als Rationalität, als Fortschritt und durch illusorische Versprechen, macht jede aufrichtige Sorge um das gemeinsame Haus und jede Sorge um die Förderung der Ausgestoßenen der Gesellschaft unmöglich“. „Es geht schlicht darum, den Fortschritt neu zu definieren. Eine technologische und wirtschaftliche Entwicklung, die nicht eine bessere Welt und eine im Ganzen höhere Lebensqualität hinterlässt, kann nicht als Fortschritt betrachtet werden.“ (LD Nr. 195).
Ein Entwicklungsmodell, das auf der Ausbeutung der natürlichen Ressourcen und der Marginalisierung der ursprünglichen Völker basiert, ist für ihn nicht tragbar.
 
 
Unter dem Deckmantel vermeintlichen Fortschrittes wird anderen Kulturen etwas aufgedrängt, was bereits Tiefe und Sinn verloren hat. Dies gilt sowohl für Politik als auch für die Evangelisierung:
„Darum kann man bei der Evangelisierung neuer Kulturen oder solcher, die die christliche Verkündigung noch nicht aufgenommen haben, darauf verzichten, zusammen mit dem Angebot des Evangeliums eine bestimmte Kulturform durchsetzen zu wollen, so schön und alt sie auch sein mag.“ (Evangelii Gaudium, Nr. 117).
„Wenn eine Globalisierung anstrebt alle gleichzumachen, als entspräche sie dem Bild einer Kugel, dann zerstört diese Globalisierung den Reichtum und die Besonderheit jedes Einzelnen und jedes Volkes“ (FT Nr. 100)
 
 
Ganz besonders in seinem apostolischen Schreiben nach der Amazonas-Synode kritisiert Franziskus den Umgang mit indigenen Völkern:
„Den nationalen oder internationalen Unternehmen, die Amazonien Schaden zufügen und das Recht der ursprünglichen Völker auf ihr Gebiet und seine Grenzen, auf Selbstbestimmung und vorherige Zustimmung nicht achten, muss man den Namen geben, der ihnen gebührt: Ungerechtigkeit und Verbrechen.“ (QA Nr. 14)
Er warnt dabei auch vor kulturellem Kolonialismus unter dem Deckmantel der Globalisierung. Wenn er in Querida Amazonia davon schreibt, dass unter dem Deckmantel von Entwicklung vom neokolonialen Kapitalismus Zerstörung gebracht wird, dann bezieht er sich natürlich vor allem auf die indigenen Völker dort. Die wirtschaftlichen Interessen lokaler und internationaler Unternehmen führen zu ungezügelter Ausbeutung von Land und Menschen:
„Wenn sich einige Unternehmen in der Begierde nach schnellem Gewinn die Gebiete aneignen und am Ende sogar das Trinkwasser privatisieren, oder wenn der Holzindustrie und Projekten zum Bergbau oder zur Erdölförderung sowie anderen Unternehmungen, welche die Wälder zerstören und die Umwelt verschmutzen, seitens der Behörden grünes Licht gegeben wird, dann verändern sich die wirtschaftlichen Beziehungen auf ungerechtfertigte Weise und werden zu einem Instrument, das tötet.“ (QA Nr. 14).
Franziskus nimmt in seiner Rede 2018 in Puerto Maldonado explizit Bezug auf koloniale Strukturen, die bis heute in Mission, Politik und Wirtschaft wirken:
„Wahrscheinlich waren die autochthonen Völker Amazoniens in ihren Territorien nie derart bedroht, wie sie es heute sind. Die Amazonasregion ist ein von verschiedenen Fronten aus umstrittenes Gebiet: auf der einen Seite der Neo-Extraktivismus und der starke Druck durch große ökonomische Interessen, die ihre Gier auf Erdöl, Gas, Holz, Gold und industrielle landwirtschaftliche Monokulturen richten.“
Anstatt alles Westliche automatisch als überlegen anzusehen, muss Respekt vor alternativen Lebensmodellen gefordert werden, denn es ist möglich, ein ‚gutes Leben‘ zu leben, ohne den Stil der industrialisierten Länder zu kopieren. Franziskus plädiert für interkulturelle Ökologie – eine Art „Entlernen“ westlicher Selbstüberhebung:
„Die Weisheit des Lebensstils der ursprünglichen Völker – auch mit all den Grenzen, die er haben mag – regt uns an, dieses Bestreben zu vertiefen.“ (QA Nr. 22).
„Ich träume von einem Amazonien, das für die Rechte der Ärmsten, der ursprünglichen (autochthonen) Völker, der Geringsten kämpft, wo ihre Stimme gehört und ihre Würde gefördert wird“ (QA Nr. 7), also auch die kulturelle Identität der Völker geachtet wird. Er weiß, dass auch die Kirche sich hier viel Schuld aufgeladen hat, wenn er in einer Rede in Kanada am 25. Juli 2022 sagt:
„Ich bitte um Verzeihung für die Art und Weise, in der leider viele Christen die Mentalität der Kolonialisierung der Mächte unterstützt haben, die die indigenen Völker unterdrückt haben. Ich bin schmerzlich betrübt. Ich bitte um Vergebung, insbesondere für die Art und Weise, in der viele Mitglieder der Kirche und der Ordensgemeinschaften, auch durch Gleichgültigkeit, an den Projekten der kulturellen Zerstörung und der erzwungenen Assimilierung durch die damaligen Regierungen mitgewirkt haben, die im System der Internatsschulen ihren Höhepunkt fanden.“
 
Diese Aussagen zeigen seine klare Abkehr von kolonialem Missionsverständnis und seine Bereitschaft zur historischen Aufarbeitung.
 
Stefan Storz

Quellen: 
Laudato si, Enzyklika von Papst Franziskus vom 24.05.2015:
 
Rede von Papst Franziskus in Puerto Maldonado 2018:
 
Predigt zur Eröffnung der Amazonas-Synode am 6.10.2019:
 
Querida Amazonia, Nachsynodales Apostolisches Schreiben von Papst Franziskus vom 2.01.2020:
 
Fratelli tutti, Enzyklika von Papst Franziskus vom 3.10.2020:
 
Generalaudienz am 13.10.2021:
 
Rede von Papst Franziskus in Kanada vom 25.07.2022
 
Laudate deum, Apostolisches Schreiben von Papst Franziskus vom 23.10.2023: