1990 mahnte Hans Küng (1928 – 2021), der Tübinger Professor für Ökumenische Theologie in seiner Programmschrift „Projekt Weltethos“ zu einer Besinnung auf die Notwendigkeit einer globalen Verständigung als Bedingung für den Frieden in der Welt und die Existenz der Menschheit:
„Kein Zusammenleben auf unserem Globus ohne ein globales Ethos.
Kein Frieden unter den Nationen ohne Frieden unter den Religionen.
Kein Frieden unter den Religionen ohne Dialog zwischen den Religionen.
Kein Dialog zwischen den Religionen und Kulturen ohne Grundlagenforschung.
Kein globales Ethos ohne Bewusstseinswandel von Religiösen und Nicht-Religiösen.“
Anlässlich der Weltausstellung von Chicago 1993 und des dort stattfindenden zweiten Parlaments der Weltreligionen rief er dazu auf, einen „ethischen Konsens“ der Religionen zu formulieren und zu verkünden. Unterstützt von bedeutenden Theologen und Religionswissenschaftlern weltweit und nach längerem interreligiösem Konsultationsprozess wurde ein Dokument entworfen, als „Erklärung zum Weltethos“ verabschiedet und von über 200 Religionsvertretern, allen voran dem Dalai Lama, unterzeichnet.
Ausgehend von den Prinzipien „Menschlichkeit“ (Jeder Mensch muss menschlich behandelt werden) und „Gegenseitigkeit“ (Behandle andere so, wie du selbst behandelt werden willst - sog. „Goldene Regel“) zielt die Erklärung auf Werte wie Gewaltlosigkeit und Ehrfurcht vor allem Leben, Gerechtigkeit und Solidarität, Toleranz und Wahrhaftigkeit, sowie Gleichberechtigung und Partnerschaft.
Im Jahr 2018, beim achten Parlament der Weltreligionen in Toronto mit über 8.000 Teilnehmenden, wurde die Weltethos-Erklärung von 1993 vor dem Hintergrund der weltweiten Diskussionen um die Folgen des Klimawandels um ein Kapitel zum Thema „Ökologische Verantwortung” als gemeinsames Desiderat der Weltreligionen ergänzt.
Von 2008 bis 2018 wurde in Radolfzell am Bodensee versucht, im sogenannten „Weltkloster“ die Vision des „Weltethos“ konkret zu verwirklichen. Menschen unterschiedlicher Religionen waren eingeladen, auf Zeit miteinander zu leben, sich auszutauschen und voneinander zu lernen, was trotz vielfältiger Schwierigkeiten ansatzweise gelang.
In Zusammenhang mit „Macht Kritisch Weltkirche“ soll die faszinierende Vision an dieser Stelle um einen kritischen Aspekt ergänzt werden. Vielleicht liegt sogar eine Gefahr in der Vision einer Einheit, die die Augen vor den realen Unterschieden verschließt oder diese zumindest weniger wichtig nimmt als das Einende.
Die Neigung, bei anderen das dem Eigenen Ähnliche wichtiger zu nehmen als das Unterscheidende, führt womöglich zu Widerständen dagegen, andere als in grundlegenden Elementen verschieden von sich selbst wahrzunehmen.
Sich mit seinen Eigenheiten und Einzigartigkeiten und Unterschiedlichkeiten gewahr zu werden und anzunehmen ist aber ein ganz wesentlicher Aspekt der interkulturellen und interreligiösen Arbeit.
Dennoch und mit großer Demut soll an dieser Stelle Margot Friedländer (*1921 - † 2025, deutsche, jüdische Überlebende des Holocaust, die sich bis zu ihrem Tod als Zeitzeugin engagierte) zu Wort kommen:
"Ihr müsst Menschen respektieren. Ihr könnt nicht alle Menschen lieben. Aber respektieren heißt, sie kommen auf dieselbe Art und Weise auf diese Welt. Sie haben dasselbe Blut wie wir alle. Es gibt kein christliches, kein jüdisches, kein muslimisches Blut. Es gibt nur menschliches Blut. Lasst euch nicht etwas einreden und vormachen. Menschen sind verschieden. Es kommt auch darauf an, wie sie, wie die Eltern und wie ihre Erziehung ist. Aber sie sind Menschen. Ich habe keine Berechtigung, sie anders zu behandeln, als einen Freund."
"Was war, können wir nicht mehr ändern. Aber es darf nie wieder passieren. Ich bitte euch, seid Menschen, seid Menschen!"
"Schaut auf das, was euch verbindet. Seid Menschen. Seid vernünftig!"
"Es gibt kein christliches, muslimisches oder jüdisches Blut. Wir sind doch alle Menschen. Wir müssen achtsam sein. Wir müssen menschlich sein. "
