Können Christ*innen, können Kirchen zur Gewinnung des Friedens in der Ukraine etwas relevantes beitragen?
Können Christ*innen, können Kirchen zur Gewinnung des Friedens in der Ukraine etwas Relevantes beitragen
– oder sind sie, zusammen mit anderen Religionen durch ihre eigene Gewalt- und Herrschaftsgeschichte eher Teil des Problems?
Mit der ukrainisch-orthodoxen Theologin Lidiya Lozova wagen wir einen kurzen Blick in das Spannungsverhältnis von konsequenter Gewaltfreiheit, die biblisch inspiriert ist, und einem Drängen nach Gerechtigkeit und Freiheit, das meint auf Gewalt nicht verzichten zu können. Eine post-byzantinische Orthodoxie, so Lidiya Lozova, pflege ein hohes Ideal der geschwisterlichen Liebe zu allen Menschen, tadele Gewalt als Sünde schlechthin und entschuldige den Einsatz militärischer Gewalt als letztes, sündhaft-tragisches Mittel nur in Ausnahmesituationen:
“Every act of violence against human being is ... violence against a member of one’s own family”.
Auch der Schutz des Opfers vor dem Angreifer müsse in Liebe geschehen, die geistlichen Wege zu Versöhnung und Verzeihung müssten allen Beteiligten eines Konfliktes gelten. Damit stünden diese orthodoxen Theolog*innen in einer Linie mit ursprünglich friedenskirchlichen, inzwischen auch in den Großkirchen weitverbreiteten Haltungen: Vorrang gewaltfreier Konfliktlösung, vorausschauende Friedensarbeit, Orientierung an Gerechtem Frieden, Abkehr von der Lehre vom Gerechten Krieg.
Ohne diese Linie zu diskreditieren, stellt Lydia Lozova die Frage, ob sie in jeder Situation gleich angemessen sei, also auch gegenüber den Ukrainer*innen, die ihr Land gegen einen Genozid verteidigen, und sie antwortet: wenn diese sich nicht nur in der Bereitschaft zum Selbst-Opfer stärken, sondern für einen nicht-triumphalen militärischen Sieg gegen die Angreifer beten, dann tun sie es gerechtfertigt auch in biblischer Perspektive, da sie nicht das Schwert bringen, sondern sich und ihre Nächsten mit dem Schwert verteidigen.
"The whole country has been praying not just for peace, but for the Armed forces of Ukraine and their victory for more than a year now".
Die Abwehr im Westen gegen diese Haltung entspringe zwei Gründen: der verständlichen Sorge, in die alte Sakralisierung der Gewalt zurückzufallen, und der Unfähigkeit, sich in die Situation der Angegriffenen zu versetzen.
Es stellt sich also doch wieder die Frage, die viele, gerade auch in europäischen Kirchen, schon für erledigt hielten:
Es stellt sich also doch wieder die Frage, die viele, gerade auch in europäischen Kirchen, schon für erledigt hielten:
Gibt es einen gerechten Krieg?
Hermann Schwörer
Ich habe gelesen
Lidiya Lozova: Ukriane victory non-violence, publicothodoxy.org, 17.05.2023
