Frieden lernen

Frieden ist kein Zustand, sondern ein Prozess. Er ist das vielleicht wichtigste Erziehung- und Bildungsfeld. 

Die ehemalige Vizepräsidentin des deutschen Bundestags, Antje Vollmer, mahnt in ihrem politischen Testament eindringlich: 
"Der Hass und die Bereitschaft zum Krieg und zur Feindbildproduktion ist tief verwurzelt in der Menschheit. Gerade in Zeiten großer Krisen und existentieller Ängste. Wer die Welt wirklich retten will, der muss den Hass und den Krieg gründlich verlernen. Wir haben nur diese eine Zukunftsoption." 
Menschen können lernen, mit Konflikten konstruktiv umzugehen und ein friedliches Miteinander zu finden – in ihrer nahen Umgebung, in der Gesellschaft, in der Politik. Im Wesentlichen geht es hierbei um zwei Dinge: Einerseits geht es um Wissen, um die Komplexität und Kontexte von Konflikten besser zu verstehen. Andererseits geht es darum, Feindbilder, Vorurteile, Stereotype zu hinterfragen und an den eigenen Einstellungen zu arbeiten. Es geht um Kompetenzen in verschiedenen Bereichen und ein Lernen mit Kopf, Herz und Hand. Welchen Friedensbegriff legen wir dabei zugrunde? 
 
Eng gefasst ist es ein Frieden als Abwesenheit von Gewalt, dann sind vor allem Kompetenzen zum konstruktiven Austragen von Konflikten gefragt. 
 
Weitergefasst bedeutet Frieden die Abwesenheit von struktureller und kultureller Gewalt. Dann rückt zusätzlich die Frage in den Vordergrund, wie wir einen Zustand sozialer Gerechtigkeit anstreben oder sogar herstellen können. 
 
Die verschiedenen Ebenen der Friedenspädagogik, die individuellen, gesellschaftlichen und internationalen, sollten zusammengedacht werden. Das innere Erleben eines jeden Menschen und gelingende zwischenmenschliche Beziehungen müssen von Beginn an in allen Erziehungs- und Bildungsbereichen eine wichtige Rolle spielen.
 
Friedensbildung sollte integraler Bestandteil allen Lernens sein – in der Kita, über die Schule bis zur Erwachsenenbildung. Frieden lernen ist ein lebenslanges Lernprojekt und ein wichtiger Stützpfeiler der demokratischen Lebens- und Gesellschaftsform. Für uns Christinnen und Christen ist das Lernen von Frieden auch ein zentraler Aspekt der Jesus-Nachfolge.
 
Über die individuelle Ebene hinaus hat Friedensbildung auch die Aufgabe, Ursachen, Umgang und Folgen des internationalen Konflikts- und Kriegsgeschehens - und damit auch die des Krieges in der Ukraine - umfassend nachvollziehbar zu machen. Das heißt vor allem Diskurse zu ermöglichen, die den Umgang mit Spannungsfeldern offenlegen. Solche Spannungsfelder sind: Ungewissheit aushalten und/oder Sicherheit vermitteln. Dilemmata offenlegen und/oder Orientierung geben. Lernprozesse offenhalten und/oder Werte vermitteln. 
Friedensbildung ist neben Persönlichkeits- und Identitätsentwicklung also auch politische Bildung. 
Sie schlägt einen Bogen von der individuellen Ebene (auf der z.B. Konzepte zur Gewaltprävention ansetzen) über die gesellschaftliche (z.B. Arbeit an einer konstruktiven, demokratischen Streitkultur) bis zur internationalen Ebene, mit der sich „Globales Lernen“ beschäftigt. Es bleibt die Frage:
“Wie ist eine Erziehung zum Frieden in einer Welt organisierter Friedlosigkeit überhaupt denkbar und möglich?“ (Dieter Senghaas 1969)
Mit dem Blick auf die aktuelle Weltlage ist Skepsis angebracht. Gerade deswegen kommt es darauf an, allen Formen der Friedensbildung im Kleinen, wie im Großen mehr Aufmerksamkeit entgegenzubringen.
 
Friedensbildung von der Kür zur Pflicht zu machen, sie in den Bildungsplänen aller Schulen zu stärken, war eines der zentralen Anliegen und Erfolge meiner politischen Tätigkeit. Wenn wir “Friedensliebe” als Verfassungsziel des Landes Baden-Württemberg ernst nehmen, muss Friedensbildung mehr sein als eine “pädagogische Feuerwehr”. 
 
Die „Servicestelle Friedensbildung“ innerhalb der Landeszentrale für politische Bildung, die Berghof Foundation, das Projekt Weltethos an der Universität Tübingen, der Masterstudiengang Friedenspädagogik an der Evangelischen Hochschule Freiburg, könnten der Beginn einer strukturellen Verankerung von “Friedensbildung” in Baden-Württemberg sein.
 
Beim Erlenen, Erproben und Üben von Friedensprozessen bleibt noch viel zu tun: In der Zivilgesellschaft müssen viel mehr Räume für konstruktiven Austausch, Diskurs und Debatte geschaffen werden, analog und digital.
Angesichts der religiösen und weltanschaulichen Pluralisierung unserer Lebenswelt und angesichts der Kriege und Terrorakte weltweit, bei denen religiöse Begründungszusammenhänge mit hineinspielen, sind auch die Kirchen gefordert. 
Friedenspädagogik und (inter-)religiöse Bildung stehen in einem engen Zusammenhang. Die intensive Suche nach Friedenswegen könnte in einem Ökumenischen Friedensforschungsinstitut gebündelt werden, das sich aus dem Geist der Gewaltfreiheit Jesus ausrichtet und Ressourcen bereitstellt für die Wegbegleitung von Versöhnungsprozessen. 
 
Es gibt sie, die vielfachen Versuche und Initiativen, die es ermöglichen, dass Frieden gelernt und möglich gemacht wird. Im dritten Teil der Broschüre (Anregungen) und in der online Version gibt es viele Hinweise, Links, Adressen und Kurzbeschreibungen.
 
Christoph Bayer

Quelle
Gespräche mit Prof. Uli Jäger, Berghof Foundation und politische Aktivitäten zur Einrichtung der „Servicestelle Friedensbildung“ in Baden-Württemberg